Klasse Eisenbahntechnik hautnah – die Drehscheibe

Drehscheiben – praktische Einrichtungen zum Drehen von Lokomotiven.

Eine 41er fährt auf die Stassfurter Drehscheibe

Eine 41er fährt auf die Stassfurter Drehscheibe

Die Idee zu diesem Artikel kam mir im Nevada State Railroad Museum in Carson City, also mitten im ‚Wilden Westen‘ der USA. Hier sah ich zum erstenmal eine handbetriebene Drehscheibe aus der Gründerzeit amerikanischer Eisenbahnen, mit der schwere Dampflokomotiven per Hebelwirkung gedreht werden konnten.

Drehscheibe im Nevada State Railroad Museum

Dampflok Glenbrook auf der Hebel-Drehscheibe im Nevada State Railroad Museum

Eine solche einfache Technik zum Drehen von Lokomotiven und Waggons wie hier in Carson City, der Hauptstadt Nevadas, hatte ich vorher noch nie gesehen.

Also begann ich mich intensiver für Drehscheiben zu interessieren!

Handbetriebene Schmalspur-Drescheibe in Bruchhausen-Vilsen

Handbetriebene Schmalspur-Drescheibe in Bruchhausen-Vilsen

Bei der Ersten Deutschen Museumseisenbahn in Bruchhausen-Vilsen sah ich dann eine Schmalspur-Ausführung ( 1.000 mm Spurweite ) für Kleinbahnen – ebenfalls mit Handschiebe-Betrieb. Das reicht doch für den nostalgischen Museumsbetrieb!

Handbetriebene Drehscheibe mit Kurbel - Maribo Remise, Dänemark

Handbetriebene Drehscheibe mit Kurbel – Maribo Remise, Dänemark

Unter echten Betriebsbedingungen konnte ich dann vor dem Ringlokschuppen der Museumseisenbahn Maribo-Bandholm auf der Insel Lolland das Drehen einer historischen Dampflok beobachten. Per Kurbel-Antrieb geschah das in beschaulichem Tempo ebenfalls per Hand.

Drehscheibe - Bahnbetriebswerk Arnstadt/hist. in Thüringen

Drehscheibe – Bahnbetriebswerk Arnstadt/hist. in Thüringen

Warun eigentlich müssen Lokomotiven gedreht werden?

Der jahrzehntelang benutzte Dampfantrieb der Lokomotiven mit seiner recht komplexen Antriebstechnik brachte es mit sich, dass die Lokomotiven aus technischen Gründen bei Vorwärts- und Rückwärtsfahrt völlig unterschiedliche Laufeigenschaften aufwiesen.

Am besten gelang die Konstruktion der Vor- und Rückwärtsfahrt bei den für den Rangier- und Kurzstrecken-Betrieb benutzten Tender-Lokomotiven. Teilweise konnten diese sogar in beide Richtungen gleich schnell und auch gleich gut fahren.

Anders war es dann bei den Schnellzug- und Güterzug-Dampfloks mit Schlepptender. Nicht nur, dass die Personale bei Rückwärtsfahrt – also Rauchkammertür nach hinten – einen schlechteren Blick auf die Strecke hatten, auch die Laufeigenschaften liessen nur recht geringe Geschwindigkeiten zu.

Also… mussten Lösungen gefunden werden und… die Techniker haben!

Drehscheiben-Häuschen - Eisenbahnmuseum Schwarzenberg/Erzgb.

Drehscheiben-Häuschen – Eisenbahnmuseum Schwarzenberg/Erzgb.

Einrichtungen zum Drehen von Lokomotiven, Waggons und ganzen Zügen

Drehscheiben – hiermit kann – wie oben beschrieben – immer nur eine Lokomotive mit Tender oder ein Waggon gedreht werden. Einheitsdrehscheiben der Reichsbahn in Deutschland hatten 1920 20 m, seit 1928 23 m oder später 26 m Durchmesser,

Die Alternativen:

Wendeschleife – hier kann gleich der ganze Zug gedreht werden. Nachteilig ist der grosse Platzbedarf, entsprechend wenig Wendeschleifen gab oder gibt es noch. Ein gutes Beispiel ist die Wendeschleife der Harzer Schmalspur Bahn im Selketal bei Stiege.

Gleisdreieck – auch hier kann der ganze Zug gedreht werden, der Platzbedarf ist ebenfalls groß. Das bekannteste Gleisdreieck in Deutschland befindet sich in Berlin. Auch die Mansfelder Bergwerks Bahn besitzt ein schön angelegtes Gleisdreieck. In Silverton, Colorado, USA werden auch die Dampfzüge der berühmten Durango & Silverton Railroad in den Rocky Mountains so gedreht.

 Zigzag – an besonders steilen Strecken wurden früher ganze Züge im Gebirge per rangierreicher Zickzack-Fahrt gedreht, um dabei Höhe ‘ zu machen’. Dieses nicht ganz ungefährliche Unterfangen hat unser Autor bei der Darjeeling Himalayan Railway hautnah im Jahre 2000 miterleben dürfen.

Mimik im Drehscheiben-Häuschen - Traditionsbahnbetriebswerk Stassfurt

Mimik im Drehscheiben-Häuschen – Traditionsbahnbetriebswerk Stassfurt

Meistens sind Drehscheiben unmittelbar vor den Ringlokschuppen, in Sachsen auch Heizhäuser genannt, für eine platzsparende Unterbringung der Lokomotiven in den Bahnbetriebswerken platziert.

Schon seit über hundert Jahren werden zum Drehen der Dampfloks Drehscheiben mit Maschinenkraft – überwiegend mit Elektromotoren, sehr selten per Diesel oder Druckluft – eingesetzt, wie wir sie hier auch eindrucksvoll sehen können.

Als Wetterschutz für den ganztags arbeitenden Drehscheiben-Wärter haben die meisten Drehscheiben ein entsprechendes Häuschen, das sich bei Betrieb mitdreht.

Drehscheiben-Betrieb im BW Dresden-Altstadt

Drehscheiben-Vorführung im BW Dresden-Altstadt – Dresdner Dampflok-Tage

Drehscheiben-Wärter war früher ein zwar anstrengender, aber sehr verantwortungsvoller Eisenbahner-Beruf. Hier kam und kommt es auf absolute Präzision der Einstellungen und auch der Signale an den Lokführer an.

Schmalspur-Drehscheibe bei der Harzer Schmalspur Bahn in Wernigerode

Schmalspur-Drehscheibe bei der Harzer Schmalspur Bahn in Wernigerode

Einen speziellen Artikel über die Drehscheibe im Bahnbetriebswerk Wernigerode der HSB finden Sie hier – Auf der Drehscheibe in Wernigerode – mit Infos über die Vorbereitung der Dampflokomotive auf den Betriebsdienst.

Eine Drehscheiben-Abart – die Segmentdrehscheibe

Von besonderer Bauart ist die Segmentdrehscheibe, wenn wenig Platz zur Verfügung steht. Sie kann sich nicht vollständig drehen und ist zum Wenden eines Fahrzeuges nur dann geeignet, wenn sie mindestens zu 180 Grad gedreht werden kann.

Eine solch seltene Art der Drehscheibe befindet sich vor dem Ringlokschuppen im Deutschen Dampflok Museum Neuenmarkt-Wirsberg.

Segmentdrehscheibe

Segmentdrehscheibe im ehemaligen Bw Neuenmarkt-Wirsberg an der ‚Schiefen Ebene‘.

Vorsicht auf Gleisen und Bahnanlagen – Safety first!

Die meisten Eisenbahnvereine und Beitreiber von historischen Eisenbahnen lassen es – oftmals trotz Verbotsschildern – zu, dass sich interessierte Besucher und neugierige Fotografen auf dem gesamten Bahngelände umsehen dürfen – das sind wahre Geschenke an alle Eisenbahnfans!

Nur, Leute, vergesst dabei nicht, ausserordentlich vorsichtig zu sein. Achtet stets auf rollenden Verkehr und bringt Euch nicht unvorsichtigerweise in Gefahr! Wie leicht kann man ausserdem über Schienen und Schwellen stolpern und sich ernsthaft verletzen.

Vor allen Dingen macht es nicht so, wie es dem damals noch leichtsinnigen Autor im Jahre 2000 auf dem Bahnhof von Darjeeling bei der Darjeeling Himalayan Railway ergangen ist:

Um ‚mehr auf’s Bild‘ zu bekommen, ging er, ohne nach hinten zu sehen, langsam rückwärts und fiel prompt in die kleine Drehscheibengrube. Zum Glück waren nur Prellungen und blaue Flecken die Folge, aber… es hätte auch ganz anders ausgehen können. Safety first!

Drehscheibe BW Dresden-Altstadt

Die preussische T 3 – 89 6009 – auf der Drehscheibe im BW Dresden-Altstadt

Bahnbetriebswerke, Dampf-Bahnhöfe und Werkstätten – Volldampf-Emotionen!

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